Der Verein im Wandel der Zeit Bis fast zum Ende der vorigen Jahrhunderts war der Viersener Turnverein eine reine Männergesellschaft. Frauen zierten lediglich die damals häufigen Vereinsfeste. Wurden die Turnvereine noch Mitte des vergangenen Jahr- hunderts als revolutionäre Sammlungsbewegungen ange- sehen, galten sie zum Ende des vergangenen Jahrhunderts als kaisertreue Bürgergruppierungen. Vorstandsmitglied zu sein, bedeutete auch ein angesehener Bürger der Stadt zu sein. Alle Arbeit wurde ehrenamtlich geleistet. Nach Einzug der Frauen in die Turnvereine blieben jedoch die Männer in der Mehrheit. Jugendabteilungen gab es in den Turnvereinen auch erst zum Ende des vergangenen Jahr- hunderts. Im Viersener Turnverein wurde 1910 die Jugendabteilung gegründet. Der Verein hatte bereits vorher Modellversuche unterstützt, Sport in den Schulunterricht einzuführen. Nach dem ersten Weltkrieg wurden nicht nur viele neue Sportarten kreiert, das Vereins- spektrum wurde auch wesentlich bunter. Kirche und Politik ließen neue Sportgemeinschaften entstehen, die im Nationalsozialismus der staatlich kontrollierten Einheitsbewegung weichen mußten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden viele traditionelle Turn- und Sportvereine wieder aktiv. Einige im dritten Reich verbotene Gemeinschaften traten wieder auf den Plan und viele neue Sportgemeinschaften bildeten sich. In Fachverbänden organisiert, schlossen sich die Vereine im Deutschen Sportbund als Dachorganisation zusammen. Der Sportbund vertrat die Vereine auf politischer Ebene, regelte Versicherungsfragen für die Mitgliedsvereine und fordert mit seinem "Goldenen Plan" von den Kommunen den Bau und die Bereitstellung von Sportstätten für die Sportvereine.

Der Viersener Turnverein expandierte von einer Mitgliederzahl von 400 bis über 1.000. Zunächst sicherte man das sportliche Angebot durch Schulung und Honorierung der Übungsleiter. Hierzu gaben die Landessport- und teilweise die Fachverbände Hilfestellung. Bis vor wenigen Jahren wurde alle darüber hinausgehende Arbeit ehrenamtlich erledigt. In unserem Verein wurde neben der Übungsleiterentschädigung lediglich die Stelle des Hausmeisters mit einer geringen Vergütung und einer mietfreien Wohnung bedacht. Vor 25 Jahren vollzog der Vorstand den Wechsel von der Hauskassierung der Beiträge auf das Einzugsverfahren und beauftragte gleichzeitig die Sparkasse mit der Führung der Beitragsdatei.

Seit etwa fünf Jahren wird die Beitragsdatei vom Vorstand geführt und nach Einrichtung einer elektronischen Datenverarbeitung auch die Buchhaltung mit einem Vereinsprogramm hierüber abgewickelt. Für die Erledigung dieser Arbeiten und des Schriftverkehrs wurden zwei Stellen mit geringfügiger Honorierung eingerichtet. Über die Stadt Viersen wurde das Vereinsangebot im Internet plaziert. Wir stehen vor der Wende in ein neues Jahrhundert. In der Mitgliedschaft hat sich ein Wandel von einer Gesinnungsgenossenschaft zu einer Verbrauchergemeinschaft vollzogen. Der Vorstand muß sich und den Verein für die Aufgaben des nächsten Jahrhunderts rüsten. Dazu wird es sicherlich weitere Abstriche von Ehrenamtlichkeit geben.

 

Nach einem Zeitungsaufruf zur Errichtung einer Turnanstalt nach dem Vorbild Friedrich Ludwig Jahns trafen sich im Sommer des Revolutionsjahres 1848 Viersener Bürger. Sie gründeten den Viersener Turnverein. Durch das wachsende Misstrauen der Obrigkeit erlahmten nach kurzer Zeit die Aktivitäten bis sich der bedeutende Turnpionier Christian Friedrich Schloer in Viersen ansiedelte und die Erneuerung antrieb. Im Jahre 1858 zählte der Viersener Turnverein zu den Grün- dungsmitgliedern des Rheinisch-Westfälischen Turnerbundes und fünf Jahre später zu den Gründern des Gladbacher Turn- gaues. Vor dem ersten Weltkrieg war der Viersener Turnverein die bedeutendste Bürgergemeinschaft der Stadt. Aus der Turner- feuerwehr entstand die freiwillige Feuerwehr Viersen. Probleme bei der Vereinsentwicklung wurden durch unzureichende Sportstätten verursacht. 1903 wurde ein eigener Turnplatz (der heutige Festhallenplatz) eingeweiht. 1911 beschloss der Rat der Stadt unter Verwendung eines bedeutenden Geldgeschenkes des Herrn Kommerzien- rates Kaiser eine Turn- und Festhalle für die Viersener Vereine zu erbauen. Der Viersener Turnverein erhielt jeweils an drei Tagen das Nutzungsrecht. Durch die Erweiterung der kulturellen Angebote wurde der Viersener Turnverein wieder in unzureichende Sportstätten gedrängt. 1927 erfüllte sich der Verein mit dem Bau einer eigenen Sporthalle an der Gereonstraße einen langgehegten Wunsch. Heute zählt der Viersener Turnverein über 1.000 Mitglieder und versteht sich in erster Linie als Mittler für den Breitensport. Folgende Sportarten werden im Viersener Turnverein betrieben: Aerobic, Turnen / Gymnastik, Badminton, Volleyball, Prellball, Leichtathletik (incl. Jogging), Triathlon Hier sind heute Frauen und Männer und trotz PC- und Videospiele auch viele Kinder und Jugendliche in Hobby- und Meisterschaftsrunden aktiv.